Geschichte

Am 11. Dezember 1817 unterzeichneten 65 männliche Angehörige der Hamburger gehobenen Mittelschicht die Gründungsurkunde des Neuen Israelitischen Tempelvereins und gründeten damit erstmals als Verein eine liberale neben der traditionellen jüdischen Gemeinde (für etwa zeitgleiche Anfänge jüdischer Reformen siehe den Jacobson Tempel in Seesen). Ab 1818 fanden Gottesdienste in einem angemieteten Saal am Alten Steinweg statt. Diese neue jüdische Gemeinde führte dabei einige Neuerungen im Ritus ein, beispielsweise deutschsprachige Predigten und Chorgesang mit Orgelbegleitung, zudem konnten Frauen erstmals von der Galerie dem Gottesdienst ohne Sichtschutz folgen – der Anfang einer langen Phase der Reformen, zu der es auch gehörte, Mädchen zur Bat Mitzwa (die Religionsmündigkeit) zuzulassen und die im 20. Jahrhundert dazu führten, dass auch Frauen Rabbinerinnen werden können.

Die Zahl der Mitglieder wuchs rasch auf etwa 300 Familien, so dass es möglich wurde, einen eigenen Synagogenbau zu errichten. Dieser erste Tempel einer als Verein organisierten jüdischen Gemeinde liberaler deutscher Juden (auch Reformjuden genannt), der eigens gestaltet und die Reformen auch architektonisch ausdrücken sollte, wurde 1844 in der Poolstraße errichtet. Der Architekt, Johann Hinrich Klees-Wülbern (1800-1845), hatte bereits zuvor wiederholt für jüdische Auftraggeber gearbeitet, so baute er auch das neue und äußerst modern gestaltete Israelitische Krankenhaus in Hamburg. Für den Tempel in der Poolstraße verband Klees-Wülbern eine neo-klassizistische Formensprache mit neo-gothischen und maurischem Stilelementen – letztere kamen zu dieser Zeit gerade erst in Mode. Im Inneren teilten zwei Säulenreihen die Halle in ein Hauptschiff und zwei Gänge mit Galerien. Der Toraschrein wurde in einer – heute noch existierenden – Apsis untergebracht, die Orgel befand sich an der gegenübergelegenen Seite, oberhalb des Eingangsportals. Dieser imposante Sakralbau strahlte das neu gewonnene Selbstbewusstsein der liberalen Juden aus, die sich wie selbstverständlich als Teil der deutschen Gesellschaft begriffen.

Dieser Bau war der erste liberale jüdische Synagogenbau überhaupt und kann mit seiner modernen architektonischen Gestaltung als bauliche Ergänzung der religiösen Reformen verstanden werden. Seine Überreste sind damit ein wichtiges (architektur- und religions-)geschichtliches Zeugnis weit über Hamburg hinaus.

Etwa ein Jahrhundert später zog die liberale Jüdische Gemeinde in das noch heute bestehende und vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) genutzte Gebäude in der Oberstraße. Diesen von den Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann gestaltete Tempel, 1931 eingeweiht, konnte die liberale Gemeinde jedoch nur bis zum Novemberpogrom 1938 nutzen. Heute dient die ehemalige Synagoge am Rothenbaum als Sendestudio.

Die Tempelruine steht hinter einem Vorderhaus, von der Straße aus nicht sichtbar bzw. nur erahnbar beim Blick durch den Hofeingang. Zwei Teile des Gebäudes von 1844 sind bis heute glücklicherweise erhalten: Der Eingangsbereich auf der Westseite sowie der östliche Bereich mit der Apsis. Der Eingangsbereich ist der Ruinenteil, der heute die Autowerkstatt (sowie die Mietwohnung) beherbergt. Der rückwärtige Teil ist ungenutzt und in witterungsbedingt äußerst schlechtem Zustand. Von der Straßenseite aus erinnert eine Tafel an die frühere Nutzung des Gebäudes.